Friedensforschung: Interview mit Dieter Senghaas


Die Serie der Süddeutschen Zeitung zum "Krieg im 21. Jahrhundert" hat bis zuletzt alle wirklich relevanten Fragen zu diesem Thema ausgeklammert und fand nun ihr Ende in einem Interview mit einem der führenden deutschen Friedensforscher, Dieter Senghaas.

Senghaas macht in dem Interview nochmals deutlich, wie wenig die Friedensforschung mit ihrem z.T. weltfremden Idealismus zur Lösung sicherheitspolitischer Fragestellungen beizutragen hat. Das Interview ist eine Aneinanderreihung undurchdachter Konzepte und unzutreffender Annahmen. Praktisch keines der vorgebrachten Argumente hält einer Prüfung stand.

Senghaas schreibt z.B.:

"Einen nachhaltigen Frieden gibt es dort, wo die Beteiligten mit dem Ziel einer konstruktiven Konfliktbearbeitung ihre kontrovers bewerteten Probleme lösen."

In Europa finden sich zwei Beispiele für "nachhaltigen Frieden" : Unter den Staaten Westeuropas trat dieser nach 1945 ein, weil der Nationalsozialismus besiegt wurde und Deutschland danach nicht mehr kriegsfähig war. Auf europäischer Ebene (mit Ausnahme des Balkans) setzte Frieden das Ende kommunistischer Regierungen voraus. In beiden Fällen wurden die sicherheitspolitischen Probleme durch das Ende einer der Konfliktparteien "nachhaltig  gelöst". Senghaas erweckt jedoch den Eindruck, als sei Frieden in Europa die Folge von Übereinkünften zwischen den Konfliktparteien, die im Anschluß harmonisch koexistiert hätten, was nicht im Entferntesten zutrifft. "Nachhaltigen Frieden" schlossen die Sieger mit den Regierungen, welche die Verlierer ablösten.

Man kann den Erfolg der EU nicht ohne den Kontext des vorausgegangen Krieges betrachten, wie Senghaas es tut. Die EU war quasi eine große Stabilisierungsoperation nach dem Zweiten Weltkrieg, doch die Folgeoperation kann nicht ohne den vorausgegangen Krieg verstanden werden.

Wie der Großteil der deutschen Diskussion überschätzt Senghaas zudem das Potential der VN. Er nennt z.B. deren Einsatz auf dem Sinai als einen ihrer Erfolge bei der Friedenssicherung. Tatsächlich ist der "kalte Frieden" zwischen Ägypten und Israel die Folge der Anerkennung der eindeutigen Machtverhältnisse zwischen den Staaten durch Ägypten. Hierzu waren mehrere Niederlagen Ägyptens, zuletzt 1973, erforderlich. Es würde keinerlei Unterschied machen, wenn die VN auf dem Sinai nicht mit einigen Beobachtern präsent wären. Ähnliches gilt für UNDOF (Israel/Syrien) und UNIFIL (Israel/Libanon): Auch hier gestalten alle Konfliktparteien ihr Handeln unabhängig von der Präsenz der VN.

Im weiteren Verlauf nennt er Faktoren, die seiner Ansicht nach die Voraussetzung für "Frieden" seien, etwa eine "staatliches Gewaltmonopol". Würde ein Gewaltmonopol z.B. der Taliban in Afghanistan zu "Frieden" führen? Aus Sicht der Taliban vielleicht, doch hilft dies in der aktuellen sicherheitspolitischen Diskussion weiter? Senghaas verwendet den Begriff des Friedens in einem idealisierten philosophischen Sinne und unterstellt, dass alle Konfliktparteien gemeinsame Interessen und Ziele hätten, und dass "Frieden", "soziale Gerechtigkeit" etc. für alle Parteien gleichermaßen definiert seien. Tatsächlich ist der Frieden der einen Seite die Niederlage der anderen, und die "soziale Gerechtigkeit" und "demokratische Teilhabe" des Dieter Senghaas sind für die Taliban "Shirk" bzw. die Verabsolutierung nichtislamischer Wertvorstellungen und Relativierung islamischen Rechts, was in deren Weltanschauung eine der größten denkbaren Verfehlungen darstellt. Die Suche der Friedensforschung nach "Win-Win-Lösungen" geht angesichts dieser Wirklichkeit ins Leere.

 
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