Gedanken zum 60. Todestag Gandhis


Auch in säkularen Gesellschaften besteht Nachfrage nach Heiligen. Mohandas "Mahatma" Gandhi ist einer dieser säkularen Heiligen der Neuzeit. Vor 60 Jahren starb er bei einem Anschlag eines hinduistischen Extremisten.

Die Süddeutsche Zeitung gedenkt dem Todestag mit einem Beitrag, der alle populären Klischees über Gandhi aufgreift.

Tatsächlich dürfte Gandhi eine der am meisten überschätzten Gestalten des 20. Jahrhunderts sein. Eine realitätsgerechtere Darstellung seines Wirkens hat Richard Grenier bereits vor längerer Zeit verfasst.

Gandhi trägt einen Teil der Verantwortung für den Bürgerkrieg in Indien Ende der vierziger Jahre, der eine direkte Folge des von ihm propagierten vorzeitigen Rückzugs Großbritanniens aus Indien war. Der Bürgerkrieg forderte mehrere Millionen Tote. 

Nur Gandhis relative politische Schwäche hatte kurz zuvor verhindert, dass er dem Kampf der Alliierten gegen Japan durch seine pazifistischen Forderungen größeren Schaden zufügen konnte. Seine Aufrufe an europäische Juden, ausschliesslich gewaltlosen Widerstand gegen die Nazis zu leisten, wirken aus heutiger Sicht bizarr und zeugen von ideologischer Verblendung. Gandhi war eher bereit, den Tod von Millionen von Zivilisten in Kauf zu nehmen, als von seiner Weltanschauung abzurücken.

Gandhis wirtschaftspolitische Vorstellung autarker Bauernkommunen erinnert an Gedanken Pol Pots oder Kim Il Songs und hätte, wäre sie in die Praxis umgesetzt worden, vermutlich Millionen von Menschenleben gefordert.

Gandhis Tod hat Indien vermutlich vor Schlimmerem bewahrt. Wäre der Westen im Zweiten Weltkrieg seiner politischen Philosophie gefolgt, hätten die Achsenmächte gesiegt. Seine Ideen waren damals so unpraktikabel und weltfremd wie sie es heute sind. Sie lassen sich am Besten mit den Worten Lao Tses kommentieren: "Wahre Worte sind nicht schön/schöne Worte sind nicht wahr."

 
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Comments

  • 31 Jan 2008 Brutus wrote:
    Nun, hinterher ist man (auch als Politiker) immer schlauer. Auch muß man die indische "Volksseele" beachten - meist liegen Gewalttätigkeiten den Buddhisten und Hindus nicht; Tugend liegt im Erdulden. Martin Luther King hatte ja in den USA mit einem ähnlichen Konzept auch Erfolg (bis zu seiner Ermordung).
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  • 31 Jan 2008 Zivi wrote:
    Lieber FGS-SiPol, das ging ja schon wieder voll in die Hose: Die Größe des Kopfes bemisst sich nicht nach den Antworten, die eine( r ) gegeben hat, sondern immer nur nach den Fragen die entwickelt wurden: Hiob wird unsterblich bleiben, weil er GOTT so heraus herausgefordert hat, dass bis heute niemandem eingefallen ist, wie das zu toppen wäre. Marx Antworten auf die soziale Frage sind wahrscheinlich alle falsch. Aber die Frage bleibt, immer wieder taufrisch und neu. Und nun also (nach vielen hier leider Übersprungenen aber der Rede durchaus werten) der böse Gandhi, der sich einfach nicht schlagen wollte. Böser Hindujunge, der einfach darauf bestand, dass er genau so gut ein richtiger, vollwertiger Mensch ist, wie diese eher unansehnlichen weißen Exemplare des Homo sapiens, die sich für die Herrenrasse hielten (halten?). Unverschämt. Und sehr überschätzt.
    Das ist keine Polemik, schließlich war Gandhi mit einem „Westen“ konfrontiert, der die Anerkennung der Gleichheit der Rassen bei Gründung des Völkerbundes ausdrücklich abgelehnt hatte, auf Betreiben der französischen Regierung mit wohlwollender Unterstützung der Briten.
    Ich weiß ja, mein lieber FGS-SiPol, die bösen Nazis.
    Die hätte man bekämpfen müssen, nicht wahr?
    Damit hat schon Heiner Geißler gespielt, um zu begründen, warum es Christenpflicht sei, an der Seite der Amis südamerikanische Diktatoren zu unterstützen (damals ging es um Nicaragua). Nur: Warum in aller Welt hätte Gandhi in dem Streit zwischen seinen aktuellen Kolonialherren (den Peinigern aus dem „Westen“) und den Prätendenten (Nazis) einen Unterschied machen sollen? Von seiner Position her betrachtet waren sie allesamt kriminelles Gesocks (btw: Erfinder des KZ-Systems waren die Briten im Buren-Krieg, was Gandhi sehr exakt wusste als indischer Rechtsanwalt in Südafrika).
    Was also bleibt, abgesehen von der alten, liebenswerten britischen Tradition des zivilen Ungehorsams (es gilt als ehrenrührig, sich vom Ort einer gewaltlosen Aktion zu entfernen, bevor die Polizei den persönlichen Daten notiert hat), als die Gandhis Frage, wie denn sonst Machtlose auf Unterdrückung reagieren sollen?
    Seine Antwort heißt ja immerhin, Polizisten oder Militärs vor die Alternative Verbrecher (weil gewalttätig gegen friedlich Demonstrierende) oder Idiot (weil bewaffnet wirkungslos) zu stellen. Das wird sich wahrscheinlich als falsch herausstellen. Irgendwann mal. Aber die Frage wird bleiben. Egal wie die Geschichte weitergeht.
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  • 31 Jan 2008 Weblog SiPol wrote:
    @Zivi:
    Der Weg in die Hölle ist bekanntlich mit guten Absichten gepflastert. Ich bestreite Gandhis gute Absichten keinesfalls.

    Gandhi war übrigens durchaus nicht grundsätzlich antibritisch. Während seiner Zeit in Südafrika kämpfte er als Freiwilliger in den britischen Streitkräften gegen einen Aufstand einheimischer Rebellen und soll sich durch große Tapferkeit ausgezeichnet haben. Erst in fortgeschrittenem Alter scheint er zum Hindu-Fundamentalisten geworden zu sein und seine fragwürdigeren Ideen entwickelt zu haben.

    @Brutus
    Fernöstliche Religionen sind keinesfalls so friedlich, wie man verbreitet annimmt. Dies gilt insbesondere für den Hinduismus. Der Hindu-Nationalismus der Gegenwart trägt zuweilen faschistoide Züge, und Hindus verüben regelmäßig äusserst brutale Übergriffe gegen Muslime. Im indischen Bürgerkrieg massakrierten Hindus hunderttausende Muslime, und zwar mit Gandhis Billigung.

    Ich empfehle nachdruecklich den Text von Grenier:
    http://history.eserver.org/ghandi-nobody-knows.txt

    Gandhi ist nur ein weiteres Beispiel für den ungesunden Hang westlicher Diskussionen, Gestalten der "Dritten Welt" als Projektionsflächen für eigene Wünsche zu verwenden und sie zu säkularen Heiligen zu erklären. Das gilt für Ernesto Guevara und Yassir Arafat ebenso wie für Nelson Mandela und eben Mohandas Gandhi. Immerhin geniesst wenigstens Robert Mugabe nicht mehr den Kultstatus, dem ihm die Drittweltbewegung lange Zeit zubilligte.
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  • 1 Feb 2008 Brutus wrote:
    Richtig ist, daß auch Hindus in der Masse durchaus gewalttätig werden können. Gandhi selbst war schon zu Lebzeiten eine Legende, bei seinen Landsleuten, wie auch im Ausland.

    Zu den anderen "Heiligen" sei gesagt, daß jeder für sich durchaus (wertfrei) herausragende Leistungen vollbracht hat. Im übrigen gilt ja, daß man im Kampf (pardon: im Einsatz) auch das Leben der eigenen Leute nicht "über Gebühr" schonen darf. Sonst macht man sich tatsächlich wehrlos.
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