Verhandlungen mit militanten Islamisten: Erfolgsbedingungen


Michael Forster weist auf einen interessanten Artikel über Verhandlungen mit militanten Islamisten hin und merkt an, dass Verhandlungserfahrungen mit Al-Qaida fehlen.

Es gibt jedoch zumindest ein erfolgreiches Beispiel für Verhandlungen mit Taliban und internationalen Kämpfern aus dem Umfeld der Al-Qaida. Es handelt sich um deren Aufgabe der Stadt Kunduz im Herbst 2001. Dem Vernehmen nach hatten die dortigen militanten Islamisten ihre Hoffnung auf einen Sieg verloren, nachdem ihnen Berichte über den Tod einer großer Zahl von Mitkämpfern durch amerikanische B-52 und die ohne Rücksicht auf völkerrechtliche Auflagen handelnde Nordallianz bekannt geworden waren. In Folge dessen suchten Taliban sowie "foreign volunteers expected to fight to the death" (=Al-Qaida) um Verhandlungen nach und boten die Kapitulation an.

Verhandlungen mit militanten Islamisten können also durchaus erfolgversprechend sein, wenn man in Form der glaubwürdigen Androhung des überwältigenden Einsatzes von Gewalt die entsprechenden Anreize für Konzessionen schafft.

Verhandlungen sind in diesem Fall somit keine Alternative zu einer konfrontativen Strategie, sondern deren Abschluss. Die übliche Abwägung von "politischen Lösungen" gegenüber "militärischen Lösungen" funktioniert in der Realität des Kampfes gegen militante Islamisten nicht. Die "politische Lösung" setzt voraus, dass der Gegner glaubwürdig in seiner Existenz bedroht wird bzw. am Rand der militärischen Vernichtung steht.

Dies entspricht auch islamistischer Doktrin, die sich auf das Beispiel Mohammeds beruft. Dieser erklärte, dass Muslime ihre Gegner offensiv bekämpfen müssten, wenn sie stark genug dazu seien. Waffenstillstände und Konzessionen seien nur in Situationen der Schwäche erlaubt.

In eingeschränkter Form wird dies am Beispiel der Auseinandersetzungen zwischen Israel und der Hamas deutlich: Wenn Israel glaubwürdig mit der Tötung von Hamas-Führern der höchsten Ebene droht, bietet die Hamas in der Regel Verhandlungen an. Wenn Israel hingegen als schwach erscheint, eskaliert die Hamas.

 
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Comments

  • 28 Feb 2008 Delta0219 wrote:
    Ein ähnliches Muster findet sich bei militanten Islamisten in Algerien und Ägypten. Dort verhandelten die jeweiligen Gruppierungen, nachdem sie durch die Sicherheitskräfte empfindlich getroffen worden waren. In Ägypten konnte die Führung der "Jamaat al-Islamiyya" nach ihrer Gefangennahme und der Zerschlagung des Großteils ihrer Organisation sogar zur vollständigen Aufgabe von Militanz bewegt werden. Die Anführer distanzierten sich öffentlich von jeglicher Militanz und lieferten einen wichtigen Beitrag zur Delegitimierung anderer Militanter. Es scheint also zu stimmen: Wendet man genug Druck an, können offenbar auch extremste Gruppierungen zur Mäßigung bzw. zu Verhandlungen bewegt werden.
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  • 29 Feb 2008 Minverva wrote:
    Man sollte erwähnen, dass die Nordalianz durch ihre Behandlung der gefangengenommenen Taliban deren Entscheidung zur Kapitulation nicht gerade honoriert hat. Ich erinnere z.B. an die Container-Geschichte.
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  • 29 Feb 2008 Milano Palace wrote:
    Ich kann das geschriebene nur bestätigen. Solange z.B. die Aufständischen in Afghanistan genau wissen, dass die NATO sie nicht existenziell bedroht und sie nur noch eine Zeit lang durchhalten müssen, bis die NATO abzieht, brauchen sie keine Konzessionen einzugehen. Sie werden unter den gegenwärtigen Bedingungen auch so erhalten, was sie wollen. Sie brauchen daher nicht zu verhandeln. Das war 2001 anders, als sie mit dem Rücken zur Wand standen.
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  • 3 Apr 2008 zeb0 wrote:
    Es ist die uralte Geschichte Afghanistans, die bereits vor der NATO, vor den Russen und vor der englischen Kolonialzeit Gültigkeit hatte; wechselnde Koalitionen von Stammesführern, besonders unter den Pashtunen, je nach Interessen- und Kräftelage; wobei bestehende Bündnisse einen eher unverbindlichen Charakter hatten, die bei Änderung der Lage sehr schnell gegenstandslos wurden. So ist es auch noch heute.
    Es ist daher damit zu rechnen,daß bei der anhaltenden Islamisierung der Region, nach Abzug der NATO, sich die ursprünglichen Verhältnisse in vergleichbarer Form erneut einstellen werden.
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    1. 3 Apr 2008 Delta0219 wrote:
      So wird es wohl sein. Man hat sich in Afghanistan vollkommen unrealistische Ziele gesetzt. Demokratie und Menschenrechte werden dort auch in 100 Jahren Fremdwörter sein. Es hätte gereicht, dort jemandem an die Macht zu verhelfen, der keine antiwestlichen Terroristen duldet. Das wäre relativ leicht zu machen und vor allem billiger gewesen.
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