Irak: Implikationen des Waffenstillstandsangebots der "Mahdi-Armee"


Die im Irak aktive schiitische "Mahdi-Armee" hat nach schweren Verlusten um einen Waffenstillstand nachgesucht.

Diese Entwicklung weist auf einige, in Deutschland meist unterschätzte sicherheitspolitische Sachverhalte hin:

Eine der Voraussetzungen zur Beendigung bewaffneter Konfrontationen zu den eigenen Bedingungen ist es, der Gegenseite so hohe Kosten (z.B. in Form von Verlusten) zuzufügen, dass sie die Fortsetzung der Auseinandersetzung als irrational ansieht und Konzessionen anbietet bzw. bewaffnetes Handeln einstellt. In den Publikationen der "Friedensforschung" wird dies beharrlich verschwiegen. Große Teile der sicherheitspolitischen Eliten westlicher Gesellschaften ignorieren diesen Sachverhalt ebenfalls. In Deutschland werden z.B. gegenwärtig viele Konzepte für Afghanistan diskutiert, mit Ausnahme der Bekämpfung des Gegners.

Die jüngsten Ereignisse im Irak haben bewiesen, dass konsequenter militärischer Druck auch bei Akteuren funktioniert, die ansonsten "Märtyrertum" verherrlichen. Es zeigt sich erneut, dass militärisch geschaffene Tatsachen häufig die Voraussetzung für eine "politische Lösung" bzw. sinnvolle Verhandlungen sind, und dass auf strategischer Ebene alle Akteure der gleichen rationalen Logik folgen. Auch Islamisten suchen auf strategischer Ebene nicht den von ihnen vermuteten schnellsten Weg ins Paradies, sondern handeln rational. Werden ihre Verluste zu hoch, geben sie konfrontative Strategien auf.

 
Trackbacks
  • No trackbacks exist for this entry.
Comments

  • 30 Mar 2008 Crass Spektakel wrote:
    Was am Rande interessant ist, Sadr hat angeblich seit Wochen einen Waffenstillstand am Laufen und hat angeblich seit Beginn der aktuellen Unruhen den bewaffneten Widerstand untersagt. Warum haben seine Anhänger dann trotzdem gekämpft?

    Entweder hat er nicht gesagt was er behauptet oder er hat keine Kontrolle über seine Gruppe. In beiden Fällen stellt sich die Frage ob er überhaupt ein geeigneter Ansprechpartner ist.
    Reply to this
    1. 31 Mar 2008 Delta0219 wrote:
      Sadr/JAM haben sich in den letzten Monaten tatsächlich ruhig verhalten, wohl aus realistischer Einschätzung der Kräfteverhältnisse. Die jüngsten Kämpfe sind Folge einer Offensive der irakischen Regierungen gegen Banden im Südirak. Es gab berechtigte Zweifel an der Klugheit von Malikis Entscheidung, aber bis jetzt geben ihm die Ergebnisse Recht.
      Reply to this
  • 30 Mar 2008 Kaa wrote:
    >>>Eine der Voraussetzungen zur Beendigung bewaffneter Konfrontationen zu den eigenen Bedingungen ist es, der Gegenseite so hohe Kosten (z.B. in Form von Verlusten) zuzufügen, dass sie die Fortsetzung der Auseinandersetzung als irrational ansieht und Konzessionen anbietet bzw. bewaffnetes Handeln einstellt. <<<
    Das Thema (Krieg und wie man siegen kann) interessiert mich. Ihrem oben zitierten Satz habe ich vorbehaltlos zugestimmt, bis der nächste Satz kam:
    >>>In den Publikationen der "Friedensforschung" wird dies beharrlich verschwiegen.<<<
    Dann fiel mir auf, daß ich gelesen hatte: "Wenn man der Gegenseite so hohe Kosten (z.B. in Form von Verlusten) zuzufügen, dass sie die Fortsetzung der Auseinandersetzung als irrational ansieht, bietet sie Konzessionen an bzw. stellt bewaffnetes Handeln ein.

    Ist es wirklich wahr, daß das Eingangszitat meines Kommentars so stimmt, wie es dasteht. (Also, ohne als irrational bewertete hohe Kosten der Gegenseite geht kein Frieden)?

    PS: Bedauerlicherweise mußte ich feststellen, daß einem heutzutage wenn man eine Frage stellt oft eine Meinung unterstellt wird. Das halte ich für das Ende jeder Diskussionskultur. Bei mir stimmt das auf jeden Fall nicht - meine Frage ist eine Frage.
    Reply to this
    1. 30 Mar 2008 Weblog SiPol wrote:
      Was militante islamistische Organisationen angeht, deuten die verfügbaren Daten tatsächlich darauf hin, dass "Frieden" bzw. Waffenstillstände primär die Folge von "Kosten", auch in Form unerwartet hoher Verluste, sind:

      Einige Beispiele:
      - Syrische Islamisten aus dem Umfeld der Muslimbruderschaft stellten nach den Ereignissen von Hamas auf Jahrzehnte alle militanten Aktivitäten ein.
      - Algerische und ägyptische militante Islamisten erlitten durch bewaffnete Kampagnen der jeweiligen Regierungen in den 90er Jahren hohe Verluste und stellten ihre bewaffneten Kampagnen ein. Sehr kleine Minderheiten spalteten sich vom Rest der Bewegung ab und setzten den Kampf fort, waren aber kein strategisches Problem mehr dar. In beiden Fällen hatten die Islamisten allerdings durch ihre Taktiken auch den Großteil ihres früheren Rückhalts in der Bevölkerung verloren.
      - Fast alle von der Hamas eingehaltenen Waffenstillstände erfolgten nach israelischen Offensiven oder verstärktem israelischen Vorgehen. Nach israelischen Konzessionen eskalierte die Hamas hingegen normalerweise. (Bestes Beispiel: Israelische Teilrückzüge aus Gazastreifen und Westjordanland ab 1994, Rückzug aus dem Gazastreifen 2005)
      - Führer der Taliban kapitulierten in großer Zahl nach Beginn der Offensive 2001, dem Vernehmen nach v.a. unter dem Eindruck von Bombardements durch B-52 und den Eindruck amerikanischer Übermacht.

      Ansonsten ist "Frieden" im philosophischen Sinne des Wortes zwischen sich widersprechenden Weltanschauungen mit universellem Anspruch bzw. Akteuren mit universellen Zielen nicht möglich, außer eine Konfliktpartei gibt ihre universellen Ziele auf. Islamisten befinden sich ihrer Weltanschauung gemäß im ständigen Kriegszustand mit dem Rest der Welt, bis sie die ganze Welt zum Teil des "Dar al-Islam" gemacht haben. Islamistische Doktrin sieht allerdings die Möglichkeit von temporären Waffenstillständen in Situationen der Schwäche vor.

      Man muß Islamisten daher in Situationen der Schwäche bringen, wenn man von ihnen Konzessionen will. Die Zufügung hoher Verluste ist ein Mittel dazu. Die entscheidende Frage ist nun, wie man militante Islamisten möglichst effektiv trifft. Diese sind ja nicht dumm und verstehen es, den meisten Stärken westlicher Streitkräfte effektiv auszuweichen.
      Reply to this
  • 31 Mar 2008 Crass Spektakel wrote:
    Zum Thema Verhandlung:

    Verhandeln ist gut. Allerdings ist Verhandeln nicht immer Verhandeln. In einer laufenden Verhandlung beschließt ein Japaner niemals irgendetwas, aber er lernt den Gegner kennen. Beschlossen wird dann vorher oder nachher nach kollektiver Ratsfindung. Wer also japanisch verhandelt kann auch ohne Ergebnisse anschliessend besser dastehen.
    Reply to this
  • 1 Apr 2008 Thomas wrote:
    Nach der klassischen Definition von Clausewitz ist Krieg ein "Akt der Gewalt, um den Gegner unseren Willen aufzuzwingen".
    Das ist im asymmetrischen Krieg des Jihadismus nicht anders, da er nach Steinberg sowohl den "nahen", als auch den "fernen" Feind bekämpft, um ein globales Dar ul Islam mit Geltung der Schari'a errichten will.
    Diese Zielerreichung kann nur erfolgreich bekämpft und eingedämmt werden, wenn man mit entsprechendem politischen Willen offensiv agiert. Denn jedes Zeichen von Schwäche wird aufmerksam registriert und führt zu weiteren Aktionen.
    Reply to this
Leave a comment

Submitted comments will be subject to moderation before being displayed.

 Enter the above security code (required)

 Name

 Email (will not be published)

 Website

Your comment is 0 characters limited to 3000 characters.