Afghanistan: Implikationen der Gefangenenbefreiung in Kandahar
Mit vermutlich rund 30 Kämpfern, zwei Selbstmordattentätern und einer Autobombe ("VBIED" mit 1,8 t Sprengstoff) gelang es Aufständischen gestern, rund 1.100 Gefangene, darunter vermutlich 400 Aufständische, aus dem Sarposa-Gefängnis in Kandahar zu befreien.In den vergangenen Monaten wurden einige Aktionen der Aufständischen durch ausländische Beobachter überbewertet, z.B. der Anschlag auf das Serena-Hotel in Kabul. Hier hatte eine geringe Zahl schlecht ausgebildeter Aufständischer einen taktisch gescheiterten Anschlag verübt, der dennoch unter internationalen Beobachtern für panikartige Reaktionen sorgte und daher strategisch erfolgreich war. Ähnliche Wirkung hatte die "Einnahme" entlegener Distrikte durch Aufständische, die meist darin bestand, dass eine häufig einstellige Zahl aufständischer eine ebenso geringe Zahl von Polizisten für einen oder zwei Tage vertrieb.
Die Gefangenenbefreiung war jedoch auch ein taktischer Erfolg, der eine Reihe von relevanten Trends unterstreicht:
- Die Aufständischen verfügen wieder über die Fähigkeit zu komplexen Operationen. Bis vor wenigen Wochen deuteten alle Indikatoren darauf hin, dass sie durch Festnahmen und gezielte Tötungen soweit geschwächt worden waren, dass sie diese Fähigkeit verloren hatten.
- Die afghanische Polizei, die für das Gefängnis verantwortlich ist, bleibt der zentrale Schwachpunkt. Während die Armee relativ erfolgreich macht und wahrnehmbare Fortschritte macht, ist die Polizei weiterhin häufig nicht in der Lage, ihren Auftrag auszuführen.
- Die Tatsache, dass die Aufständischen in einer Provinzhauptstadt operieren konnten, ohne zuvor aufgeklärt und bekämpft zu werden, deutet auch auf mangelnde Präsenz von ISAF hin. Darauf deutet auch hin, dass im Raum Kandahar bislang keine zusätzlichen Checkpoints beobachtet wurden, welche eventuelle Fluchtbewegungen hemmen könnten.
- Es gibt in Afghanistan zumindest für "Hochwert"-Gefangene keine realistische Alternativen zu Einrichtungen wie dem "Bagram Detention Center".
(Bild: Afghanische Aufständische, Quelle: Yale Center for the Study of Globalization)
Diese Gefangenenbefreiung können die Taliban hervorragend zu Propagandazwecken nutzen. Die afghanische Bevölkerung wird sich sicherlich fragen, was man noch von der Stärke und Zuverlässigkeit der NATO halten kann, wenn mal kurz ein Gefängnis vollkommen leergeräumt werden kann. Der Ruf der NATO steht in Afghanistan jetzt erst recht auf dem Spiel. Die Aktion an sich zeigt, dass die Taliban durchaus noch medienwirksame "Hits" erzeugen können. Die NATO sollte auf gleichem Niveau antworten und das Vertrauen der Bevölkerung mit einer großen Operation zurückgewinnen.
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