Helmut Schmidt im Interview: Kritik
Erstmals zitieren wir die Bildzeitung, die ein Interview mit Helmut Schmidt veröffentlicht hat, das kommentierungswürdig ist.
Gerade Helmut Schmidt hat sich als Bundeskanzler auf sicherheitspolitischem Gebiet sehr verdient gemacht. Umso betrüblicher ist es, dass seine aktuellen Äußerungen zu sicherheitspolitischen Themen deutliche Schwächen zeigen.
Schmidt warnt, dass der Westen durch Interventionen in "islamischen Staaten" das Gefühl provoziere, er greife den Islam an. Dies ist die leider von vielen Muslimen geglaubte islamistische Sicht, aber ist sie zutreffend? Schmidt nennt Bosnien und das Kosovo als Beispiele für "islamische Staaten" (tatsächlich vertritt die große Mehrheit der Menschen hier einen eher unpolitischen Islam), die Ziel solcher Interventionen geworden seien. Gerade hier haben westliche Staaten jedoch muslimische Bevölkerungsgruppen unterstützt und gegen Übergriffe christlich-orthodoxer Serben verteidigt. Auch in Afghanistan hat der Westen vermutlich zehntausenden Muslimen das Leben gerettet, indem er den afghanischen Widerstand gegen die Taliban unterstützte. 2001 konnte dadurch z.B. eine aufgrund der Mißwirtschaft der Taliban bevorstehende Hungersnot abgewendet werden, was vermutlich tausenden Afghanen das Leben rettete. Alleine die Reduzierung der Kindersterblichkeit rettet jedes Jahr zehntausenden Afghanen das Leben. Die große Mehrheit der Afghanen unterstützt den ISAF-Einsatz und betrachtet diesen nicht als "Angriff auf den Islam". Auch im Irak führten die USA keinen Krieg gegen "den Islam", sondern gegen einen säkularen Diktator.
Man sollte die vom Gegner propagierten Positionen und das Maß ihrer Unterstützung unter Muslimen ernstnehmen, aber es ist falsch verstandener Realismus, sie zu übernehmen. Man muß sie entkräften. Tut man dies nicht, gerät man schnell in eine Position, in der man auf das Handeln des Gegners nur noch reagiert und jede Gestaltungsfähigkeit und Initiative verliert. Im Irak hat z.B. der Großteil der Bevölkerung erkannt, dass nicht die USA ihr Feind sind, sondern die militanten Islamisten, welche die Bevölkerung in den von ihnen anstrebten islamischen Staat zwingen wollten. Auch in Afghanistan sind die Aufständischen, die laufend Massaker an Zivilisten verüben, alles andere als populär. Man braucht ihnen nicht die Rolle der "Verteidiger des Islams" zuzugestehen, in der sie sich gerne sehen würden.
Nicht sehr sachgerecht argumentiert Schmidt auch, wenn er allen Muslimen pauschal eine gemeinsame "Kultur des Regierens" unterstellt, die "ganz anders gewachsen als die europäische oder amerikanische Kultur" sei, "die von der Aufklärung geprägt ist". Bei aller Kritik an problematischen Tendenzen im Islam der Gegenwart sollte man jedoch nicht den Fehler machen, jede Fähigkeit zur positiven Veränderung grundsätzlich zu negieren. Nach Schmidts Argumentation dürfte es eine laizistische Türkei z.B. nicht geben.
Gerade Helmut Schmidt hat sich als Bundeskanzler auf sicherheitspolitischem Gebiet sehr verdient gemacht. Umso betrüblicher ist es, dass seine aktuellen Äußerungen zu sicherheitspolitischen Themen deutliche Schwächen zeigen.
Schmidt warnt, dass der Westen durch Interventionen in "islamischen Staaten" das Gefühl provoziere, er greife den Islam an. Dies ist die leider von vielen Muslimen geglaubte islamistische Sicht, aber ist sie zutreffend? Schmidt nennt Bosnien und das Kosovo als Beispiele für "islamische Staaten" (tatsächlich vertritt die große Mehrheit der Menschen hier einen eher unpolitischen Islam), die Ziel solcher Interventionen geworden seien. Gerade hier haben westliche Staaten jedoch muslimische Bevölkerungsgruppen unterstützt und gegen Übergriffe christlich-orthodoxer Serben verteidigt. Auch in Afghanistan hat der Westen vermutlich zehntausenden Muslimen das Leben gerettet, indem er den afghanischen Widerstand gegen die Taliban unterstützte. 2001 konnte dadurch z.B. eine aufgrund der Mißwirtschaft der Taliban bevorstehende Hungersnot abgewendet werden, was vermutlich tausenden Afghanen das Leben rettete. Alleine die Reduzierung der Kindersterblichkeit rettet jedes Jahr zehntausenden Afghanen das Leben. Die große Mehrheit der Afghanen unterstützt den ISAF-Einsatz und betrachtet diesen nicht als "Angriff auf den Islam". Auch im Irak führten die USA keinen Krieg gegen "den Islam", sondern gegen einen säkularen Diktator.
Man sollte die vom Gegner propagierten Positionen und das Maß ihrer Unterstützung unter Muslimen ernstnehmen, aber es ist falsch verstandener Realismus, sie zu übernehmen. Man muß sie entkräften. Tut man dies nicht, gerät man schnell in eine Position, in der man auf das Handeln des Gegners nur noch reagiert und jede Gestaltungsfähigkeit und Initiative verliert. Im Irak hat z.B. der Großteil der Bevölkerung erkannt, dass nicht die USA ihr Feind sind, sondern die militanten Islamisten, welche die Bevölkerung in den von ihnen anstrebten islamischen Staat zwingen wollten. Auch in Afghanistan sind die Aufständischen, die laufend Massaker an Zivilisten verüben, alles andere als populär. Man braucht ihnen nicht die Rolle der "Verteidiger des Islams" zuzugestehen, in der sie sich gerne sehen würden.
Nicht sehr sachgerecht argumentiert Schmidt auch, wenn er allen Muslimen pauschal eine gemeinsame "Kultur des Regierens" unterstellt, die "ganz anders gewachsen als die europäische oder amerikanische Kultur" sei, "die von der Aufklärung geprägt ist". Bei aller Kritik an problematischen Tendenzen im Islam der Gegenwart sollte man jedoch nicht den Fehler machen, jede Fähigkeit zur positiven Veränderung grundsätzlich zu negieren. Nach Schmidts Argumentation dürfte es eine laizistische Türkei z.B. nicht geben.
"Nach Schmidts Argumentation dürfte es eine laizistische Türkei z.B. nicht geben."
Ja, den Rechtgeleiteten nach dürfte dies auch nicht sein, und man arbeitet ja auch gerade daran, dies zu ändern.
Im übrigen ist Afghanistan eine "islamische Republik" in der die Gesetze unter Scharia-Vorbehalt stehen; dies zum Thema "westliche Werte vor Ort verteidigen". Übrigens: kennen Sie eine islamische Demokratie? Und: auch die Menschenrechte gibt es in einer islam-konformen Variante (natürlich ebenso unter Scharia- und Koran-Vorbehalt).
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Die von Ihnen angesprochenen Probleme wurden hier im Blog z.T. ja schon thematisiert, z.B. im Zusammenhang mit dem jüngsten "Karikaturenstreit", in dem sehr wenig inhaltliche Differenzierung zwischen militanten Islamisten und als "moderat" dargestellten Kräften zu beobachten war.
Dennoch sollte man den gesunden Menschenverstand vieler Muslime nicht unterschätzen. In Afghanistan war die Reaktion auf den Karikaturenstreit trotz der Hetze vieler Mullahs schwächer als erwartet. Nicht wenige Mullahs gerieten unter Rechtfertigungsdruck und mussten sich Fragen anhören, ob es angesichts einer drohenden Hungersnot nicht dringendere Probleme im Land gebe.
Helmut Schmidt macht m.E. den Fehler, ein Nachgeben gegenüber den Extremisten zu propagieren statt deren Überwindung und Isolation. Der Rückhalt von Extremisten unter Muslimen ist zwar stark, aber keinesfalls einstimmig, und mit ein bißchen mehr Selbstbewusstsein könnte man mehr erreichen.
90% der Afghanen verstehen, dass die Aufständischen nicht ihre Freunde und Verteidiger sind. Das macht diese Afghanen nicht zu Anhängern der FDGO, aber es ist ein Fortschritt, und es wäre falsch, diesen Menschen die Fähigkeit zum Fortschritt abzuerkennen. Auch dem konservativsten Paschtunen kann man verständlich machen, dass die von der Regierung gebaute Schule besser ist als die von den Aufständischen geschaffenen Ruinen.
Was die Türkei angeht, so geht der Trend dort leider offenbar tatsächlich (mit aktiver Unterstützung der EU) in die falsche Richtung.
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